Tag: Metafilm

The Usual Suspects (Bryan Singer, USA / Deutschland 1995)

Posted by 20. August 2014

die üblichen verdächtigenVor ein paar Tagen habe ich ihn mal wieder zufällig im TV gesehen, zwar auf deutsch, aber dafür ohne Werbeunterbrechung. Ein wirklich toller Film, der auf mehreren Ebenen funktioniert. Zum einen als spannender Krimi, zum anderen als Meisterstück einer unzuverlässigen Erzählung. Darum geht’s: Nach einer Schiffsexplosion mit 27 Toten im Hafen von San Pedro, wird der Kleinkriminelle Verbal Kint (Kevin Speacy) von der Polizei verhört. Er soll zu den Drahtziehern des Massakers gehört haben. Nach und nach enthüllt Kint, was „wirklich“ passiert ist. Demnach soll der geheimnisvolle Gangsterboss Keyzer Soze hinter den Vorfällen stecken.

Wer den Film noch nicht gesehen hat, sollte nicht weiterlesen. Denn schon in diesem Satz verrate ich, dass Verbal Kint hinter allem steckt und er – wenn vielleicht auch nicht Keyzer Soze – entgegen dem ersten Anschein ein verdammt cleverer Gauner ist, der jeden nach Belieben manipulieren kann. Ja, eigentlich könnte nahezu der komplette Film nur die lebendig ausgeschmückte Geschichte Kints sein, die dieser der Polizei auftischt. Das Großartige darin ist, wie gut der Film funktioniert – auch beim mehrmals sehen! – obwohl alles, was man als Zuschauer sieht, Lug und Trug sein könnte. Vielleicht ist außer den groben Rahmendaten überhaupt nichts wahr. Und selbst die „harten Fakten“ müsste man konsequenterweise noch in Zweifel ziehen. Ich kann ehrlich gut verstehen, wenn jemand damit nicht klar kommt, sich möglicherweise sogar vom Film betrogen fühlt. Ich spreche da sogar aus Erfahrung, ist es nun doch schon ein fast 20jähriger Disput zwischen mir und meinem besten Freund, der den Film aus diesem Grund überhaupt nicht mag.

Ich hingegen finde es charmant, dass sich die Illusion, die ja bekannterweise eine Illusion ist – schließlich gucken wir hier einen Film –, schlussendlich zu erkennen gibt. Auf der einen Seite möchten wir getäuscht werden, wir möchten, eine Weile zumindest, glauben was wir sehen oder hören, so funktionieren fiktive Geschichten nun einmal. Dass sich in Singers Film sich in seiner vollen Künstlichkeit zu erkennen gibt, hätte mich wahrscheinlich auch ärgern können, nicht selten wird hierdurch die Kraft der Geschichte geschwächt, und oft ist es nur das Ego des Regisseurs, das hier zum Vorschein kommt. Michael Hanekes „Caché“ und „Funny Games“ z.B. mag ich aus diesem Grund nur bedingt. In diesem Fall, und das ist das wirkliche Kunststück der Üblichen Verdächtigen, wird die Fiktion durch die Offenbarung ihrer selbst nur noch schöner! Wie Singer und McQuarrie, der sein Drehbuch zu Recht einen Oscar bekommen hat, das genau hinbekommen haben, weiß ich auch nicht.  Jetzt auf das besagte Drehbuch zu verweisen (warum hat McQuarrie eigentlich danach nie wieder etwas ähnlich Gutes hinbekommen?) oder Singers besonnene aber doch ausdrucksstarke Regie oder die wahnsinnig gute Darsteller-Riege zu loben, die den Film mit Leben erfüllen, man hat sie alle lieb, wären letztlich nur die rezensions-typischen Null-Aussagen.

Auf den letztgenannten Punkt, die Darsteller, möchte ich aber trotzdem noch kurz eingehen, vor allem auf das meiner Meinung nach wirklich ganz fantastische Schauspiel von Gabriel Byrne. Der hat die anspruchsvolle Aufgabe, mit seiner Figur dem Doppelbluff des Drehbuchs gerecht zu werden: Er muss den freundlichen, den geläuterten Dean Keaton verkörpern, den, den Kint in seiner Story imaginiert – und gleichzeitig die Möglichkeit offen halten, dass er eigentlich der Drahtzieher-Keaton ist, der Oberboss, für den ihn die Polizei hält. Byrne oszilliert virtuos zwischen diesen Varianten sehr überzeugend. Ja, wahrscheinlich ist es dies, was auch für die anderen, ebenfalls großartigen Darsteller (Spacey, del Torro, Baldwin, Pollack,…), wie für den ganzen Film gilt: Er ist mehr, als etwas einzelnes, er ist ein Spektrum an Möglichkeiten, ganz so wie jede gute Geschichte, die ganz anders sein kann, je nachdem wer sie erzählt und wer sie sich anhört.

Bild © Columbia TriStar
 

Amer (Hélène Cattet, Bruno Forzani, Frankreich / Belgien 2010)


amer_Schon den Inhalt von Hélène Cattet und Bruno Forzani fiebriger Giallo-Fantasie so wiederzugeben, dass der Zuschauer eine Ahnung davon erhält, was ihn mit „Amer“ erwartet, ist nicht leicht. Das liegt auch daran, dass sich die beiden Filmemacher nicht die geringste Mühe geben, eine kohärente Geschichte zu erzählen. Zunächst erhält der Zuschauer Einblick in die Kindheit der Protagonistin Ana (Cassandra Forêt). Dort macht sie das erste Mal Bekanntschaft mit dem Tod als sie sich ins Sterbestimmer ihres Großvaters schleicht. In scheinbar keinem Zusammenhang dazu zeigt die zweite Episode des Film Erlebnisse aus Anas (diesmal gespielt von Charlotte Eugène Guibeaud) Jugend: Während eines Urlaubs am Meer trifft die junge Frau Männer in Lederkluft, muss aber feststellen, dass ihre Mutter ihre aufkeimenden Gefühle ganz und gar nicht gutheißt. Die letzte Episode führt Ana (Marie Bos), nunmehr eine erwachsene Frau, zurück in das Haus ihrer Kindheit…

Bei „Amer“, das merkt man sofort, waren absolute Filmfans am Werk, solche, die das italienische Horrorkino der späten 1960er und 1970er Jahre sehr gut kennen und dem Genre des Giallos ihre Referenz erweisen. Doch ist ihr assoziativer, bild- und soundgewaltiger Film kein reines Fan-Kino, sondern durchaus ein sehr eigenes Werk geworden, das zwar viele Strukturmerkmale des Giallo als besonderer Spielart des italienischen Krimis aufweist, sich aber gleichzeitig davon löst und durch die Aneinanderreihung von Stilmittel so etwas wie einen Meta-Giallo schafft. Ob das nötig gewesen wäre, sei dahingestellt. Schließlich  lässt sich dieses Genre selbst schon als eine Form des Meta-Kommentars auf Krimis und Thriller sehen. Gleichwohl ist „Amer“  aufgrund seiner Kompromisslosigkeit spannendes cineastisches Experiment; allerdings mit Sicherheit auch eines, welches das Publikum spalten wird. Mir war er zu vollgestopft und stilistisch überfrachtet. Ich würde ihn fast schon als auf eine unangenehme Art selbstverliebt bezeichnen. Muss ihn aber unbedingt noch ein zweites Mal sehen, um mir ein abschließendes Urteil zu bilden.

Bild © Koch Media
 

Twixt (Francis Ford Coppola, USA 2011)

Posted by 7. Dezember 2012

Die Zeiten von „Der Pate“, „Apocalypse Now“ oder „Dracula“ sind lange vorbei. Und selbst die Klassiker von Francis Ford Coppola gehören nicht gerade zu meinen Lieblingsfilmen. Umso überraschter war ich, als ich heute Coppulas aktuellen Film angesehen habe. „Twixt“ ist vage, unberechenbar und hinter seiner B-Movie-Fassade wunderschön.

Hall Baltimore (Val Kilmer) hat sich auf Hexen-Romane spezialisiert, doch seine Karriere hat schon bessere Zeiten gesehen. Als ihn eine Lesetour in das verschlafene Nest Swann Valley führt, wittert Baltimore den Stoff für eine neue Geschichte: In dem Städtchen sind vor kurzem mehrere Morde geschehen, die einem Serienkiller zugeschrieben werden. Als Baltimore im Traum erst der Geist eines der ermordeten Mädchen (Elle Fanning) und dann Edgar Allan Poes (Ben Chaplin) erscheint, weiß er – er ist auf der richtigen Spur. Zusammen mit dem Sheriff Bobby LaGrange (Bruce Dern) beginnt er die Hintergründe der Morde zu recherchieren.

„Twixt“ ist ein wunderbares Beispiel dafür, was möglich ist, wenn Coppola seinen Visionen freien Lauf lassen darf.  Was auf den ersten Blick „nur“ ein schaurig schönes Gothic-Märchen ist, gewinnt auf den zweiten immer mehr Facetten und Komplexität. Was echt ist und was ein Traum lässt sich bald nicht mehr unterscheiden. Und auch der rote Faden des Films verliert sich zusehends im Nebel. „Twixt“ ist: ein Metafilm, ist: ein rätselhaftes, faszinierendes Etwas zwischen allen Stühlen, ist: ein Kommentar und gleichzeitig sehr persönliches Dokument zum kreativen Prozess, der entfernt an „Mulholland Drive“, „Barton Fink“ oder „Synecdoche, New York“ erinnert und einlädt, sich tiefer mit dem Werk dieses Filmemachers zu beschäftigen.

Bild © Studiocanal
 

Cabin In The Woods (Drew Goddard, USA 2011)

Posted by 20. Juli 2012

Wenn jemand ein Garant für gute Ideen ist – dann Joss Whedon (“Firefly”, “Dollhouse”, “The Avengers“). Aber auch Drew Goddard hat als Drehbuchautor bei “Lost” (und manche finden auch bei “Cloverfield”) gezeigt, dass er einen kreativen Kopf hat. Aber eine tolle Idee macht noch keinen tollen Film. Das kann man jetzt bei „Cabin In The Woods“ sehr schön sehen.

Darum geht’s: Dana (Kristen Connolly), Curt (Chris Hemsworth), Jules (Anna Hutchison), Holden (Jesse Williams) und Marty (Fran Kranz) wollen ein entspanntes Wochenende in einer Waldhütte verbringen. Was sie nicht wissen: Schon vor ihrem Wochenend-Trip stehen sie unter ständiger Beobachtung. Sie sind scheinbar in einer Art Experiment die Versuchskaninchen.

Anders als die ahnungslosen Figuren erfährt der Zuschauer gleich von Anfang an, dass der Urlaub, die Hütte und alle weiteren Geschehnisse Teil eines Plans sind. Den beiden Versuchsleiter Sitterson (Richard Jenkins) und Hadley (Bradley Whitford) dabei zu zuzusehen, wie sie die fünf Freunde beobachten, mit ihren Kollegen Wetten auf den weiteren Verlauf der Ereignisse und das Ableben der Protagonisten abschließen, ist mitunter wirklich sehr komisch. Verglichen damit schlafft die Handlung in der Hütte gehörig ab. Mehr zu wissen als die Figuren ist selten eine gute Sache, und auch bei „Cabin In The Woods“ stiehlt dies Spannung. Sprich: Auch wenn die Grundprämisse von des Films interessant ist – im Detail hebt er sich dann eben doch nicht von anderen Horrorfilmen, sondern stellt sich sogar als recht durchschnittlicher Vertreter heraus. Man merkt Goddard an, dass er sich auf dem Regiestuhl noch nicht richtig eingerichtet hat. Nicht jeder Gag zündet und ebenso wenig wird jede Szene, die spannend sein müsste, zum Nagelbeißer. Zum Glück gibt es aber noch das Ende: Hier schaffen es Goddard und Whedon doch noch einmal zu verblüffen und entschädigen damit für manche Länge.

Insgesamt bietet „Cabin In The Woods“ eine nette Abwechslung zum Mainstream-Horror. Meiner Meinung nach braucht das Genre aber weniger Abwechslung als Qualität. Man muss nicht immer alles anders machen. Es einfach gut zu machen, reicht manchmal völlig.

Bild © Universum
 

Scream-Trilogie (Wes Craven, USA 1996/1997/2000)

Posted by 24. Juni 2012

Wochenende. Nichts zu tun. Ein guter Zeitpunkt, mich noch einmal zu vergewissern, was ich eigentlich von Wes Cravens „Scream“-Trilogie halte. Schließlich ist es schon über 10 Jahre her, dass ich die Filme das letzte Mal gesehen habe.

In Scream terrorisiert ein maskierter Killer das Städtchen Woodsboro. Ein Teenager nach dem anderen fällt ihm zum Opfer. Nur die tapfere Sidney Prescott (Neve Campbell) stellt sich dem Meuchelmörder in den Weg.  Viel mehr muss man zu der wirren Geschichte, die sich daraus entspinnt, eigentlich gar nicht sagen.

Zu den Stärken von Teil 1 gehört auf alle Fälle der brillante Prolog: Die junge Casey Becker (Drew Barrymore), die eigentlich nur einen schönen Videoabend mit ihrem Freund verbringen wollte, wird von einem unheimlichen Anrufer belästigt, der mit ihr ein „Frage-und-Antwort-Spiel“ zum Thema Horrorfilme spielen will. Das Spiel endet mit ihrem Tod. Meiner Meinung nach wird die Kraft dieses fulminanten Auftakts im Folgenden kaum noch erreicht. Eine Szene, die da vielleicht noch mithalten kann, ist die in der Garage:  Als Tatum Riley (Rose McGowan) auf einer Party gerade Bier holen will, trifft sie  auf den Killer, den sie erst für ihren Freund hält. Hier stimmt das Verhältnis von guter Idee, Spannung und dem richtigen Quäntchen Augenzwinkern. Noch. Was mich auch schon zu den Dingen bringt, die mir am ersten Teil nicht gefallen. Ich will mich hier nicht in Kleinigkeiten verrennen, denn der erste Teil ist wirklich ein größtenteils sehr spannender Film, der dem Genre noch mal eine neue Richtig gegeben hat. Was mich allerdings wirklich nervt und mir den Spaß verleidet, ist zum einen der ewig grimassierende Stuart (Matthew Lillard), an dem alles so übertrieben und unnatürlich ist, dass ich dem nichts abgewinnen kann. Aber auch die anderen Figuren sind nur Stichwortgeber, Dialogaufsager und Opfer für den Killer. Selbst Sidney, das Final Girl, hat keine besonderen Eigenschaften. Und die Liebesgeschichte zwischen ihr und Billy (Skeet Ulrich) funktioniert, nebenbei gesagt, auch nicht.

Auch Scream 2 zwei beginnt spannend. Schauplatz des Prologs ist diesmal ein Kino, in dem „Stab“ (ein Film über die Ereignisse in Teil 1) gezeigt wird. Obwohl das Kino gut gefüllt ist, schafft es Ghostface, der maskierte Killer, eine Frau im Kinosaal umzubringen und unbemerkt zu entkommen. Austragungsort der weiteren Geschichte ist ein College, an dem auch Sidney Schülerin ist.

In Sachen Spannung kann dieser Teil dem Vorgänger keine Zacken aus der Krone brechen, auch wenn es den einen oder anderen Gänsehautmoment gibt. Erfreulicher Weise sind die Figuren weniger nervig als im Vorgänger, leider auch ziemlich uninteressant. Da reißt auch Liev Schreiber nichts. Der spielt Cotton Weary, den Mann, der ein Jahr zu unrecht für den Mord an Sidneys Mutter einsaß. Hinzu kommt wieder die charakteristische Selbstbezüglichkeit, die hier allerdings eher unbeholfen als pfiffig wirkt. Auch, dass der Killer nur ein Mensch ist, der durchaus mal stolpert oder gegen eine Tür läuft, beginnt ab diesem Teil unlustig zu werden. Eigentlich ist „Scream 2“ ganz treffend damit beschrieben, dass lediglich die Elemente des ersten Teils variiert werden. Neue Einfälle konnte ich nicht mehr ausmachen. Neu ist nur, dass auf Logik und Plausibilität völlig verzichtet wird. Eine Referenz an andere Slasher? Wenn ich meine Lieblings-Szene in „Scream 2“ wählen sollte, wäre es vermutlich, als der Killer Cici (Sarah Michelle Gellar) vom Balkon schmeißt: Dies geschieht mit einer solchen Beiläufigkeit, die auf mich bei den ganzen Bezügen, Referenzen und prätentiösen Metagetue einfach nur wohltuend wirkt.

Nach Teil 2 ist es mir dann gar nicht leicht gefallen, Scream 3 einzulegen. Aber was muss, das muss. Verglichen mit den anderen beiden Teilen ist schon der Auftakt schwach: Der Ghostface-Killer hat einen elektronischen Stimmimitator, den er gleich erst mal dazu benutzt, um Cotton Weary und dessen Freundin umzulegen. Und schwach geht’s auch weiter: Der Killer metzelt sich am Set des Drehs zu „Stab 3 durch die Beteiligten.

Wenn man alle Teile nacheinander schaut, wird einem umso mehr bewusst, dass nach dem guten Auftakt nichts Neues mehr kommt. Was überraschen soll überraschen nicht mehr (wenn man für Überraschungen das Stilmittel „Stimmenimitator“ bracht, ist man sowieso auf verlorenem Posten), die Witze sind immer die gleichen und die oft gelobte Meta-Perspektive erschöpft sich (eigentlich schon ab Teil 2) darin, dass die Figuren ständig über die Genre-Regeln des Slashers plappern müssen. Jedenfalls war „Scream 3“ für mich der langweiligste Teil der Trilogie. Gegen Ende fragt der Killer Sidney, ob sie nicht wissen wolle, wer ihre Mutter getötet hat und überhaupt hinter den ganzen Morden stecke. Mir zumindest war das zu diesem Zeitpunkt schon schnurzpiepegal.

Soviel meine Notizen zu den ersten drei Teilen. (Ich habe gerade das Gefühl, dass ich alles Wichtige weggelassen habe). Noch ein Hinweis. Auch wenn ich bisher immer von „Trilogie“ gesprochen habe, ist mir natürlich bewusst, dass Wes Craven letztes Jahr neu angesetzt und Scream 4 nachgeschoben hat. Meine Meinung dazu, die dann doch erstaunlich positiv ausfiel, kann man hier nachlesen.

Bild © Studiocanal