Tag: Narciso Ibáñez Serrador

The House That Screamed (Narciso Ibáñez Serrador, Spanien 1969)

Posted by 1. Januar 2014

Das neue Jahr beginnt gleich mit dem Eingeständnis eines großen Versäumnisses. Zu vielen persönlichen Highlights abseits der deutschen Kinostarts habe ich etwas geschrieben („Onibaba“, „The Wicker Man“, „Night Of The Hunted“, „Tokyo Story“, „Bay Of Blood“, „The Andromeda Strain“,…), aber die vielleicht wichtigste Neuentdeckung 2013 habe ich verpennt. Die Rede ist von „The House That Screamed“ (OT: La Residencia) von Narciso Ibáñez Serrador, dessen „Who Can Kill A Child“ (1976) mir schon außerordentlich gut gefallen hat. Doch seinen älteren Film über ein Mädcheninternat, in dem wiederholt Schülerinnen verschwinden, fand ich sogar noch besser. „The House That Screamed“ ist ein atmosphärisch inszenierter Gothic-Grusel mit tollen Sets, kribbelnder Gänsehautmusik und hervorragender Kameraarbeit durch Manuel Berenguer. Interessant auch die Irritation durch den Wechsel der Hauptfiguren. Doch der Film hat noch mehr zu bieten als diese offensichtlichen Vorzüge. Dass er die Franco-Diktatur kritisieren soll, habe ich gelesen, kann das mit meinen kümmerlichen Geschichtskenntnissen aber leider nicht beurteilen. Kommt mir dennoch plausibel vor. Mich hat an Serradors Film vor allem die psychologische oder – vielleicht noch treffender – pädagogische Dimension der Geschichte gefesselt. Mehr noch als manch gruseliger Moment und das gallige Ende, verunsichert hier das portraitierte spanische Erziehungssystem und das Verhältnis zweier Personen, auf das ich nicht weiter eingehen möchte, zum einen aus Spoiler-Gründen, zum anderen ist es fast ein halbes Jahr her, dass ich den Film in einer qualitativ mäßigen Version auf Youtube gesehen habe und die Erinnerung ist schon etwas verblasst. Deswegen warte ich lieber, bis es  „The House That Screamed“ in einer annehmbaren Version auf DVD/Blu-Ray gibt und widme mich diesem Meisterwerk dann noch einmal verdient ausführlicher.

Who Can Kill A Child? (Narciso Ibáñez Serrador, Spanien 1976)

Posted by 22. Juli 2013

Who Can Kill A ChildGebt den Kindern das Kommando. Sie berechnen nicht, was sie tun. Die Welt gehört in Kinderhände. Dem Trübsinn ein Ende. Wir werden in Grund und Boden gelacht. Kinder an die Macht“ (Herbert Grönemeyer)

Das Ehepaar Tom (Lewis Fiander) und Evelyn (Prunella Ransome) macht Urlaub in Spanien. Tom will seiner hochschwangeren Frau die Insel Almanzora zeigen, die er noch von früher kennt. Doch etwas auf der Insel hat sich auf seltsame Weise verändert. Nur die Kinder sind noch da, alle Erwachsenen scheinen verschwunden. Als Tom und Evelyn herausfinden, was passiert ist, ist es bereits zu spät.

Etwas Alltägliches, Harmloses zum Gegenstand des Schreckens zu machen, gehört zu einer der Grundstrategien des Horrorfilms. Dass Kinder sich besonders gut anbieten, um Angst und Schrecken zu verbreiten, versteht sich also von selbst. Doch Narciso Ibáñez Serrador will mit seinem Film natürlich mehr als nur gruseln. „Who Can Kill A Child“ (OT: ¿Quién puede matar a un niño?), der auf einer Erzählung von Juan José Plans beruht, beginnt zunächst mit sieben Minuten Archivmaterial, in dem Kriegs- und andere humanitäre Verbrechen gezeigt werden. Die Schwachen, zu denen natürlich auch Kinder gehören, sind immer die Leidtragenden von solchen (menschgemachten) Katastrophen. Was wäre, wenn sich die Leidtragenden von Hunger, Krieg, Notsituationen aller Art gegen die Verursacher, die Geschlagenen gegen die Schläger, also eben die Kinder gegen die Erwachsenen erheben – damit beschäftigt sich Serrador in seinem Film. Und kommt zu folgendem Ergebnis: Gegen die Schwachen sind die Starken machtlos.

Als hätten die Kinder genug unter ihren Eltern gelitten, proben sie in „Who Can Kill A Child“ – erst auf der kleinen spanischen Insel, später in größerem Maßstab – erfolgreich den Aufstand. Denn: wer sollte diese kleinen, unschuldig dreinblickenden Menschen aufhalten? In diesem Zusammenhang nenne ich mal meine Lieblingsszene des Films. Tom und Evelyn haben gerade zu verstehen bekommen, was vor sich geht. Da entdecken sie einen traumatisierten Inselbewohner, der das Massaker bisher überlebt hat. Die drei verbarrikadieren sich in einem Hotel. Doch dann spaziert die Tochter des Inselbewohners durch die Tür und bittet ihren Vater, mit ihr zu kommen. Widerstandslos lässt sich der Mann abführen und folgt dem Mädchen – in den sicheren Tod. An dieser Stelle wird die emotionale und moralische Komponente des Films besonders deutlich. So leicht, wie andere Horrorfilme die Reaktion auf das Böse darstellen, ist sie nämlich meist nicht. Das Böse ist als solches nicht zu erkennen, weil es ein geliebter Teil von uns sein kann. Die Unterscheidung zwischen Gut und Böse wird obsolet: in einem Moment scheint sie ganz klar, im nächsten ist sie fließend wie die zwischen Jung und Alt.

Ich bin fast geneigt „Who Can Kill A Child“ als Demographie-Thriller, als Parabel auf den ewigen Krieg zwischen den Generationen und vielleicht auch als radikale Form des Coming-of-Age Films zu sehen. Erwachsenwerden, das ist für das Kind und den Jugendlichen auch immer ein Kampf, bei dem sie sich gezielt abgrenzen und sich den vorgegebenen Fußstapfen vehement verweigern – nur um dann selbst irgendwann erwachsen zu sein und ihre Lebenserrungenschaften gegen die nachfolgende Generation zu verteidigen.Der Krieg endet nicht mit dem Sieg der einen oder anderen Seite. Er beginnt von neuem. Ein Teufelskreis. Auch aus diesem Grund ist „Who Can Kill A Child?“ ein Klassiker des spanischen Horrorfilms, denn er thematisiert auf unglaublich spannende Art solche zeitlosen Konflikte. Im Übrigen bin ich anderer Meinung als Grönemeyer, nämlich, dass die Welt eben nicht in Kinderhände gehört. Aber ebenso wenig gehört sie allein in die der Erwachsenen. Die Frage, in wessen Hände sie gehört, ist keine des Alters, sondern eine des moralischen Urteilsvermögens.

Bild © Eureka