Tag: Neil Burger

The Divergent (Neil Burger, USA 2014)


divergent„Tut mir leid, ihr Nörgler da draußen“, habe ich diesen Text während des Filmschauens etwas voreilig begonnen, „ich weiß nicht, was ihr habt, „The Divergent“ ist doch wirklich nicht schlecht!“ Doch dann ging der Film weiter. Und der Satz machte auf einmal nicht mehr so viel Sinn. Dabei ging alles recht vielversprechend los.

„The Divergent“, der auf dem ersten Teil der Roman-Trilogie von Veronica Roth beruht, erzählt die Geschichte der jungen Beatrice (Shailene Woodley), die mit ihrem Bruder Caleb (Ansel Elgort) und ihren Eltern Natalie (Ashley Judd) und Andrew Prior (Tony Goldwyn) in Chicago wohnt. Die Stadt ist zerstört und von einer Schutzmauer umgeben. Die Menschen sind in ein Kastensystem eingeteilt, den Altruan, zu denen auch die Familie Prior gehört, die sich um andere kümmern und die Regierung stellen, die Kämpferkaste der Ferox, den Wissenschaftler genannt „Ken“, die Candor, die das Justizsystem bilden und die friedfertigen Amite, die für Verwaltung und Landwirtschaft zuständig sind. Zu ihrem 16. Geburtstag machen die Jugendlichen einen Eignungstest und können sich danach entscheiden, ob sie, was die Regel ist, in der Kaste ihrer Eltern bleiben oder wechseln wollen. Diese Entscheidung steht nun für Beatrice und ihren Bruder an.

Wahrscheinlich verrate ich nicht zu viel, der Filmtitel deutet es ja ebenfalls an: Sowohl Beatrice als auch ihr Bruder entscheiden sich gegen die Kaste ihrer Eltern. Sie wird Ferox, er Ken. Der Zuschauer begleitet die junge Frau in ihrer neuen Lebenswelt, in der sie weiterhin verschiedene Prüfungen bestehen muss. In dieser, seiner stärksten Phase wirkt „The Divergent“ wie die Verfilmung eines futuristischen Bildungsromans. Interessant ist der Spagat, den Regisseur Neil Burger hier hinbekommt, indem er keinen Zweifel daran lässt, dass wir uns in einer Dystopie bewegen. Stabilität und Nachhaltigkeit sind in dieser Welt gleichbedeutend damit, seinen Platz zu kennen. Diesen Aspekt betreffend erinnert Burgers Film sehr an „Snowpiercer“. Damit erschöpfen sich die Gemeinsamkeiten aber auch schon. Burger ist viel weniger in das seinem Film zu Grunde liegende Konstrukt verliebt als sein koreanischer Kollege Joon-ho Bong, Burger interessiert sich für seine Figuren, zumindest für seine Hauptfigur, die versucht ihren Platz im Leben zu finden. Wer sich z.B. noch erinnert, wie es damals war, als die Empfehlungen ausgesprochen wurden, welche weiterführende Schule man besuchen soll – eine Lebensentscheidung mit weitreichenden Konsequenzen – hat vielleicht eine Ahnung davon, wie sich „The Divergent“ in seinen besten Momenten anfühlt. An dieser Stelle muss das andere Standbein des erwähnten Spagats, man könnte auch sagen, die freundliche Seite des Films genannt werden. Für komplexe Wesen, die Menschen nun mal sind, ist es nämlich nicht nur unangenehm, in eine Schublade gesteckt zu werden. Gleichzeitig will man nämlich unbedingt irgendwo zu gehören. Diese beiden widerstreitenden Wünsche, einzigartig und gleichzeitig ein Teil von etwas zu sein, repräsentiert die Figur der Beatrice ganz wunderbar. Ihr dabei zuzusehen, wie sie eine für sie neue Welt kennenlernt und versucht, dort ihren Platz zu finden, ist spannend und einfühlsam erzählt.

Doch anders als die meisten anderen Jugendlichen, die sich komplett wohl in ihrer Schublade fühlen, ist Beatrice am zweifeln. Denn ihre Testergebnisse waren uneindeutig. Irgendwo hier beginnen aber auch die Probleme des filmischen Konstrukts. Ein Unbestimmter zu sein, ist nämlich etwas ganz Schlimmes. Wird das bekannt, fliegt man sofort aus seiner Kaste und muss sein restliches Leben jenseits der Armutsgrenze auf der Straße verbringen. Bei den Ferox wird man sogar umgebracht. Beatrice muss also höllisch aufpassen, dass niemand mitbekommt, dass sie nicht dazu gehört. Das ist anfangs noch ganz spannend, aber wirkt dann aber bald – ab hier muss ich leider selbst zum Nörgler werden – ziemlich an den Haaren herbeigezogen. Genau wie die Verschwörung, der Beatrice dann auf die Schliche kommt und die sie wegen ihrer besonderen Fähigkeiten verhindern kann. In dieser Phase wimmelt es von plausiblen Momenten, die sowohl die innere Logik der Geschichte als auch das Verhalten der Figuren betreffen. Kate Winslet, die ich eigentlich sehr mag und die hier die Oberverschwörerin Jeanine Matthews spielt, habe ich noch nie so lustlos spielen sehen. Vielleicht kein Wunder, so eindimensional wie diese Figur angelegt ist. Die letzte halbe Stunde, wenn das interessante Sci-Fi-Jugenddrama zum Actionfilm morpht und sich Salve für Salve weiter ins Abseits ballert, habe ich mich nur noch gelangweilt. Sehr schade, nach dem starken Beginn und der interessanten Mischung aus Dystopie und Coming of Age und der wunderbaren Shailene Woodley. Die Romanvorlage kenne ich nicht und ich habe keine Ahnung, was in Teil zwei und drei passieren soll. Aber nach diesem durchwachsenen Auftakt, hält sich meine Neugier in Grenzen.

Bild ©  Concorde Video