Tag: Schottland

The Wicker Man (Robin Hardy, GB 1973)

Posted by 4. November 2013

The_Wicker_ManDieser #horrorctober war schon ne tolle Sache. Zwar habe ich in der vorgegebenen Zeit nur 10 statt 13 Lücken schließen können, aber auch so habe ich Filme gesehen, die mich einfach glücklich gemacht haben. Film Nummer 8, „The Wicker Man“ von Robin Hardy“ war so ein Fall.

„The Wicker Man“ handelt von dem Polizisten Neil Howie (Edward Woodward), der eine anonyme Nachricht erhält, die besagt, dass auf der schottischen Insel Summerisle die junge Rowan (Gerry Cowper) verschwunden sei. Doch als Howie auf der Insel landet, will niemand der Bewohner etwas von einem verschwundenen Mädchen wissen. Im Gegenteil: Sie weigern sich anfangs sogar vehement, dem Polizisten zu helfen. Trotz offensichtlicher Indizien bleiben sie dabei, Rowan nicht zu kennen. Selbst die vermeintliche Mutter behauptet, kein Kind zu vermissen. Howie bleibt misstrauisch. Das Verhalten der freizügigen Inselbewohner, die einem seltsamen Fruchtbarkeitskult anhängen, findet der strenggläubige Polizist abstoßend und er wird den Verdacht nicht los, dass irgendetwas auf Summerisle nicht mit rechten Dingen zugeht.

Der Verdacht trügt natürlich nicht. Doch nicht nur Summerisle ist eine merkwürdige Insel mit ebensolchen Bewohnern – der ganze Film von Robin Hardy nach einem Drehbuch von Anthony Shaffer ist ein seltsames Etwas, ein schräger Genre-Mix, der immer wieder Momente heraufbeschwört, die man so nicht erwartet hätte. Die plötzlichen Musik-Einlagen, die von Kneipenliedern, über Kinderchöre bis zu musicalreifen Melodien reichen, sind nicht die einzigen, aber offensichtlichsten Irritationen. Denn „The Wicker Man“ ist kein normaler Horrorfilm. Ich würde sagen, sein Kernthema ist ein „Clash of Cultures“. Howie steht für das selbstbewusste, ja arrogante, christlich geprägte Establishment und ist außerdem ein Vertreter der Ordnungsmacht, die sich dazu berufen fühlt, auf die Einhaltung der expliziten und impliziten Regel zu achten. Verständlich, dass Howie am Verhalten der Inselbewohner viel auszusetzen hat. Die Einheimischen, voran ihr charismatischer Anführer Lord Summerisle (Christopher Lee), sind Anhänger einer archaischen (für Howie sogar anarchischen) Kultur. Interessant ist, dass sich die Sympathien des Zuschauers im Laufe des Films mehrmals verschieben.  Während die meisten anfangs noch bei dem rechtschaffenden Polizisten sein dürften, wird diese Einstellung aufgrund Howies absolutem Autoritätsanspruchs und seinem Mangel an jedweder Form von Einfühlungsvermögen möglicherweise bald Risse bekommen. Was sein Schicksal allerdings nicht weniger bitter macht.

Mich hat Hardys Film tatsächlich an Bill Forsyth „Local Hero“ (1983) erinnert, dessen böses Gegenstück er sein könnte. Darin erliegt der Protagonist MacIntyre, der im Auftrag einer großen Ölfirma einen schottischen Küstenort bereist, um die Menschen dort zum Verkauf zu bewegen, dem Charme des Dorfes und seiner Einwohner. In „Local Hero“ wird der „Eindringling“ sanft assimiliert – in „The Wicker Man“ wird die Hauptfigur hingegen gewaltsam „verschlungen“. In beiden Fällen geht das Kollektiv gestärkt hervor. Während sich der Zuschauer nach Forsyths Film angenehm beschwingt fühlen dürfte und ihn möglicherweise die spontane Lust überkommt, ein schottisches Trinklied zu trällern, wird ihm am Ende von Hardys Meisterwerk jeder Ton in der Kehle stecken bleiben. „The Wicker Man“ hat mir den Boden unter den Füßen weggezogen. Danach befand ich mich eine nicht zu erinnernde Zeit lang im freien Fall.

Bild © Studiocanal
 

Brave (Mark Andrews, Brenda Chapman, USA 2012)

Posted by 13. August 2012

Die letzten zwei Wochen war ich in Schottland. Ich könnte stundenlang über die beeindruckende Landschaft oder den großartigen Whisky (Talisker, mhmm..) schwärmen. Aber dies ist ja ein Film-Blog. Deswegen möchte ich anstelle der Annehmlichkeiten meinen Unmut über das neue Pixar-Werk „Brave“ kundtun. Mit den einstigen Heldentaten der Animationsschmiede hat dieser seltsam platte und nicht besonders stimmige Film nicht mehr viel zu tun.

Darum geht’s: Merida ist eine Frau mit eigenem Kopf. Und das Leben, das ihre Mutter Elinor für sie vorsieht, ist so gar nicht nach ihrem Geschmack. Anstatt einen der Söhne eines anderen Clans zu heiraten, reitet die talentierte Bogenschützin  durch die Wälder. Als es darüber zum Streit mit ihrer Mutter kommt, flieht Merida aus der Burg. Im Wald trifft sie eine Hexe, die ihr anbietet, die Einstellung ihrer Mutter zum Thema Hochzeit zu ändern. Merida willigt ein. Der Zauber wirkt – allerdings ganz anders als es Merida sich gewünscht hat.

Eigentlich klingt sie vielversprechend, die von Brenda Chapman erdachte Geschichte um die Tochter eines Clan-Chiefes im historischen Schottland, das sich von den verstaubten Bräuchen emanzipiert.  Doch leider lässt das Drehbuch, das Chapman zusammen mit Mark Andrews, Steve Purcell und Irene Mecchi geschrieben hat, genau die Eigenschaften vermissen, die ältere Pixar-Produktionen ausgezeichnet hat. Das sind neben den liebevollen Animationen und ihrem Faible für Außenseiter vor allem natürlich die charmanten Figuren. Bei Pixar werden die Randfiguren zu Helden, da erhalten Wesen die Chance einmal im Mittelpunkt zu stehen, denen es sonst nicht vergönnt ist. Man denke nur an „Finding Nemo“, „Ratatouille“ oder „Wall-E“. Da sind auch die Nebenfiguren keine bloßen Stichwortgeber, sondern durchdacht und warmherzig dargestellt. Dazu sind die Pixar-Geschichten verrückt, schelmisch und manchmal sogar subversiv. „Brave“ hat diese Stärken nicht.

Die aufbegehrende Hauptfigur ist noch einigermaßen sympathisch gezeichnet, auch wenn sie die Komplexität anderer Pixar-Protagonisten vermissen lässt; alle anderen Figuren hingegen sind bloßen Karikaturen, die für einen schnellen Lacher lieblos verheizt werden. Das ist eher das, was man von Disney-Filmen kennt, aber keinesfalls, was man vom Pixar erwartet. Und auch originelle Ideen habe zumindest ich nicht entdecken können. Im Gegensatz dazu machen sich eher einige Einfälle bemerkbar, die nicht besonders durchdacht oder überkonstruiert wirken. Natürlich ist Meridas Vater Fergus ein berühmter Bärentöter, natürlich kann die Hexe vor allem Bärenzauber und natürlich nimmt „Brave“ gleich auch noch für das ganze Land schicksalhafte Ausmaße an. Aber warum muss Merida unbedingt das Tuch heilmachen, damit der Zauber gebrochen wird? Warum ändert Mammi Bär ihren Charakter, die drei Bären-Brüder aber nicht?

Wenn ich an „Brave“ nun unbedingt etwas loben müsste, dann würde ich mich wohl für die Animationen entscheiden. Die Landschaften, das Licht, die Bewegungen der Figuren – all das ist erste Sahne und State oft the Art. Leider ist dieser Pluspunkt ohne eine gute Geschichte und lebendige Figuren nicht viel wert.

Bild © Walt Disney