Tag: Sebastian Urzendowsky

„Goodbye First Love“ (Mia Hansen-Løve, Frankreich, Deutschland 2011)

Posted by 9. November 2013

Eine JugendliebeNach den ganzen Horrorfilmen des letzten Monats brauche ich ein bisschen Abwechslung. Die Wahl fällt auf „Goodbye First Love“ (OT: Un Aour De Jeunesse) von Mia Hansen-Løve. Mittlerweile, so könnte man denken, muss die x-te dummbräsige Teeny Romanze den Boden doch schon unfruchtbar gemacht haben für echte, aufrichtige Liebesfilme, oder nicht? Zum Glück nicht. Hansen-Løves beweist, dass es noch etwas zu erzählen gibt, so bittersüß und so weise, dass es weh tut.

Der Anfang vom Ende: Die fünfzehnjährige Camille (Lola Créton) und der neunzehnjährige Sullivan (Sebastian Urzendowsky) sind ein Paar. Doch Sullivan wird Camillie bald verlassen, denn er möchte für ein Jahr mit Freunden nach Südamerika reisen. Und so kommt es. Anfangs bleiben die beiden in Kontakt, nach und nach werden die Briefe jedoch weniger. Camille verzweifelt, versucht sich das Leben zu nehmen, scheitert, versucht neu anzufangen. Ihr Architekturstudium gibt ihr neues Selbstbewusstsein und auch die Beziehung zu ihrem Dozenten Lorenz (Magne Havard Brekke) scheint ihr gut zu tun. Überraschend taucht Sullivan wieder auf.

„Alte Liebe rostet nicht“, weiß der Volksmund zu erzählen und es wundert deswegen auch nicht, dass Camille sich sofort von neuem in Sullivan verliebt, eine Liebe, die dieser mit charmanten, großspurigen Schwüren erwidert. Die beiden haben in den letzten Jahren viel erlebt, sie sind nicht mehr die gleichen. Und trotzdem sind die alten  Verhaltensmuster noch da und werden fast sofort wieder wirksam. Hansen-Løve erweist sich als hervorragende Beobachterin der Beziehungs-Dynamik ihrer Protagonisten, aber auch als Regisseurin mit einen guten Gespür für Bilder. In den sonnendurchfluteten Landschaften, den Schneestürmen in Paris, der verspielten städtischen Architektur Berlins und der Bauhaus-Kälte Dessaus, spiegeln sich alle Facetten von Camilles Gefühlswelt wider. Das erzählerische Unterstatement reibt sich allerdings manchmal etwas an den intensiven Bildern und dem sehr präsenten Score, auf der anderen Seite entsteht gerade durch diese Reibung Spannung. Ohne den einen oder andren bunten Farbtupfer, wäre das Gesamtbild möglicherweise etwas zu grau geraten.

Eine Jugendliebe (so auch der deutsche Titel des Films), eine Episode im Leben eines Menschen, so wichtig und doch nur eine Etappe auf unserem Weg. Nach dem Ende vom Anfang muss es weitergehen. Das schafft nicht jeder. Menschen, die in der Vergangenheit leben, nennt man Nostalgiker. Ob Camille zu dieser Gruppe gehört, überlässt die letzte Einstellung von dem Zuschauer. Diese Offenheit ist mehr als bloßes Gehabe, durch sie bekommt der Zuschauer ein Gefühl der manchmal quälenden Vagheit, die das Leben durchzieht. Es gibt keine einfachen Antworten. Hansen-Løve weiß das. „Goodbye First Love“ ist ein sehr erwachsener Film.

Bild © good!movies