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The Sacrament (Ti West, USA 2013)


the sacramentDie Vice-Reporter Sam (AJ Bowen), Jake (Joe Swanberg) und Patrick (Kentucker Audley) reisen in den Urwald, wo Patricks Schwester Caroline (Amy Seimetz) in der Gemeinde der Eden Parish lebt. Obwohl sich die Mitglieder der sektenartigen Kommune anfangs durchaus freundlich zeigen und ihr geistiges Oberhaupt (Gene Jones) in einem Interview die Vorzüge der Gemeinschaft betont, wird bald deutlich, dass hinter der glücklichen Fassade doch nicht alles so gut ist, wie alle behaupten.

Ti West ist längst kein Newcomer mehr, sondern gehört aktuell zu den interessantesten US-amerikanischen Filmemachern. Mit „House Of The Devil“ und „The Inkeepers“ lieferte der 1980 in Wilmington, Delaware geborene Filmemacher zwei erwachsene, äußerst eigenständige Horrorfilme ab, wie man sie im Genre-Einerlei nur sehr selten zu Gesicht bekommt. Mit seinem neuen Werk, dem Sekten-Drama „The Sacrament“, überrascht West erneut. Angelehnt an den Massensuizid von Jonestown, bei dem im Nordwesten Guyanas 1978 über 900 Menschen ums Leben kamen, lässt der Film den Zuschauer sprachlos zurück. Zumindest für mich gilt das zu einhundert Prozent. Noch Tage nach dem Kinobesuch, saß der Schrecken tief. Aber es ist auch nach der kürzlichen Zweitsichtung gar nicht so leicht, den Finger darauf zu legen, warum der „The Sacrament“ mich zu mitgenommen hat.

West setzt weder auf die Standardrezepte des Horrorfilms noch hat er seinen Film als packendes Drama mit markigen Charakteren inszeniert – ja sogar eine gewöhnliche Dramaturgie geht ihm völlig ab. Patricks Suche nach seiner Schwester Caroline, aber auch diese Verbindung löst sich schnell auf, schließlich wird er gleich am Anfang des Films fündig und spielt darüber hinaus etwas später selbst kaum noch mit. Man könnte fast den Eindruck gewinnen, West interessiere sich nicht für seine Figuren und so ganz falsch ist das sicherlich nicht. Er hat es vielmehr auf den Zuschauer abgesehen: Diesem zeigt er, was man bei einem Besuch in Jonestown oder Eden Parish, wie es im Film heißt, zu sehen bekommen würde: nicht viel. Durch seine Unerklärlichkeit wird das Grauen, für welches das Kamerateam in gewisser Weise als Initiator fungiert – ganz groß: das Interview zwischen dem Vice-Reporter und dem Sektengründer Vater (Gene Jones) – sogar noch größer. Dabei zu sein, fühlt sich nicht an, wie ein spannender Spielfilm, es sind Wahrnehmungsfetzen, fast banale Fragmente, die im Augenblick des Erlebens keinerlei Hinweise auf das Große und Ganze, geschweige denn dessen Bedeutung geben. Diese Erfahrung macht West dem Zuschauer durch seinen Film zugänglich, und wahrscheinlich ist es auch dieses Gefühl der unvollkommenen Unmittelbarkeit, aus dem der Film seine Stärke und seinen Schrecken zieht.

Mit „The Sacrament“ ist West ein Lehrstück über Perspektivität gelungen, und er zeigt, dass Found-Footage doch noch nicht restlos ausgelutscht ist. Für mich einer der wichtigsten Horrorfilme der letzten 10 Jahre, ja Ausnahmewerk, das glücklich macht, aber auch nachhaltig verstört.

Bild © Highlight
 

Fantasy Filmfest Nights 2014

Posted by 12. April 2014

The Sacrament (Ti West, USA 2013)FFN14

Die Vice-Reporter Sam (AJ Bowen), Jake (Joe Swanberg) und Patrick (Kentucker Audley) reisen in den Urwald, wo Patricks Schwester Caroline (Amy Seimetz) in der Gemeinde der Eden Parish lebt. Obwohl sich die Mitglieder der sektenartigen Kommune anfangs durchaus freundlich zeigen und ihr geistiges Oberhaupt (Gene Jones) in einem Interview die Vorzüge der Gemeinschaft betont, wird bald deutlich, dass hinter der glücklichen Fassade doch nicht alles gut ist, wie alle behaupten. Ich möchte in diesem Moment noch gar nicht so viel über den Film sagen, lieber später noch einmal, mit etwas Abstand, wenn ich ihn verdaut habe. Vielleicht nur so viel: Er hat mich cineastisch wahnsinnig glücklich und gleichzeitig unglaublich traurig gemacht. Meisterwerk.

Enemy (Denis Villeneuve, Kanada / Spanien 2013)

Hab ich ja schon was zu gesagt (klick!). Nach dem Film haben wir kurz rumgeblödelt: „Enemy“ sei ein wenig wie Marc Fosters „Stay“ – nur aus Sicht einer Spinne. Und so ganz falsch ist dieser Ansatz sicherlich nicht, sich dem Film nicht über die faktischen Figuren, sondern eher über ein im Hintergrund angenommenes Bewusstsein zu nähern, dessen Gefühlswelt es zu entschlüsseln gilt.

In Fear (Jeremy Lovering, GB 2013)

Tom (Iain De Caestecker) und Lucy (Alice Englert) wollen eigentlich zu einem Festival, doch Tom hat eine Überraschung für Lucy: Er hat eine Nacht in einem abgelegenen Hotel im englischen Nirgendwo gebucht. Doch der Weg dahin erweist sich als schwierig. Was von Tom als romantische Liaison geplant war, entwickelt sich zum Alptraum. Bald haben sich die beiden jungen Leute hoffnungslos in einem Labyrinth von fremden Wegen und unwirklichen Landstraßen verirrt. „In Fear“ ist einer dieser Filme, der reift. Während des und direkt nach dem Schauen, habe ich noch dazu tendiert, Jeremy Lovering Debüt als ganz spannendes, aber letztlich konventionelles Horrorfilmchen abzutun, ein paar Tage später gefällt er mir aber richtig gut und ich würde ihn sogar als für mich größte positive Überraschung der diesjährigen Fantasy Filmfest Nights bezeichnen. Ist das Gesehene alles nur ein düsterer Schatten, der seinen wahren Gegenstand nur in Andeutungen enthüllt? Oder gibt es tatsächlich einen fiesen Killer, der heimlich Schilder umstellt? Ich sage jetzt extra nicht, welche Variante mir besser gefällt.

Rigor Mortis (Juno Mak, Hongkong 2013)

Dass die Filmwelt absurd ist, die wirkliche Welt aber noch viel absurder sei, heißt es ausgerechnet am Anfang eines Films in dem im Showdown der wiederbelebte Held, unterstützt von einem ulkigen Mann im Bademantel, gegen zwei Vampire im Geist gewordenen Körpers eines Zombies antritt. Wobei das Wort Vampir hier mit Vorsicht zu genießen ist – mit klassischen Vampirfilmen hat „Rigor Mortis“ so wenig zu tun wie Gepfähltwerden mit einer Herzrhythmus-Massage. Vielleicht ist Juno Maks Geisterbahnfahrt insgesamt etwas zu verworren erzählt, der Schlusstwist wohl möglich sogar nötig und der Look zu digital, aber irgendwie mochte ich diesem komischen Film trotzdem.

Witching & Bitching (Álex de la Iglesia, Spanien / Frankreich 2013)

„Mad Circus“ war für mich nicht leicht zu konsumieren, aber letzten Endes fand ich diesen visuell starken und inhaltlich reichhaltigen Trip ziemlich toll. Grund genug sich auf „Witching & Bitching“ (OT: Las brujas de Zugarramurdi) zu freuen. Wie man es von de la Iglesia gewohnt ist, ist der Film eine Provokation, allerdings in der Hinsicht, dass man weniger bekommt als erwartet. Ein brachialer Trip mit starkem Anfang und durchgeknalltem Finale ist der Film ohne Frage, doch die Zeit dazwischen zieht sich hin, trotz aller Hektik. Mit der richtigen Einstellung macht diese alberne Achterbahnfahrt voller Geschlechterklischees und Krötenschleim vielleicht Spaß, diese zu entwickeln wollte mir allerdings nicht so ganz gelingen.

Snowpiercer (Bong Joon-Ho, Südkorea / USA /Frankreich / Tschechien 2013)

Nach einer vom Menschen gemachten Katastrophe versinkt die Erde in eine neue Eiszeit. Die Überlebenden rasen mit dem Zug „Snowpiercer“ durch die Eiswüste. Die Mehrheit der Passagiere lebt im hinteren Zugteil in großer Armut, eine reiche Minderheit genießt in den vorderen Waggons ihren Luxus. Der Zeigefinger – wir sitzen alle in einem Zug! – fuchtelt dem Zuschauer vom ersten Augenblick störend im Gesichtsfeld herum. Auf der anderen Seite versucht Bong Joon-Ho sein Szenario möglichst detailversessen, ernsthaft und realistisch umzusetzen. Für mich ging das nicht zusammen. Das Parabelhafte verhindert, dass man wirklich mitfühlt und wirkt, nebenbei gesagt, nicht besonders durchdacht. Spoilerwarnung: Das im Zug hergestellte Gleichgewicht wird mit  billigen, in erster Linie ästhetischen Mittel als das Falsche „entlarvt“, um dann – fast schon unverschämt – die Lösung aus der Box zu zaubern: Dass das im Film propagierte „Off the track“-Thinking als probates Mittel zum Systemsturz erscheinen kann, funktioniert nur, weil Bong Joon-Ho kurzerhand die Regeln eben dieses Systems ändert. Könnt ja rausgehen, ist ja gar nicht kalt.

Wolf Creek 2 (Greg Mclean, Australien 2013)

Für mich ist Greg Mcleans „Wolf Creek“ einer der stärksten Horrorfilme der letzten 10 Jahre. Mit der Fortsetzung, „Wolf Creek 2“, in der Mcleans vor allem auf Steigerung setzt, habe ich allerdings große Probleme. Mehr Gewalt, mehr „Witze“, mehr Zynismus ist die Formel, nach der dieser Film gestickt ist. Die einst so interessante Figur des Psychopathen Mick Taylor ist zum unbesiegbaren Superschurken und Sprüche klopfenden Irren verkommen. Sehr schade. Wären da nicht ein paar inszenatorische Highlights, bei denen Mclean zeigt, was er drauf hat – z.B. als der Killer einen einsamen Highway entlang fährt und dabei gleich eine ganze Reihe Kängurus überfährt, während im Hintergrund „The Lion Sleeps Tonight“ trällert; oder das bizarre Frage-und-Antwort-Spiel zwischen Paul und Mick – dann würde ich „Wolf Creek 2“ wahrscheinlich einfach nur komplett Scheiße finden.

Bild © Fantasy Filmfest
 
 

The House Of The Devil (Ti West, USA 2009)

Posted by 4. November 2013

the house of the devil„The House Of The Devil“ von Ti West ist der zehnte und innerhalb der regulären Zeit letzte von 13 Filmen, die ich ihm Rahmen des #horrorctober zu sehen geschafft habe – und zwar an Halloween. (Für die Akte: Dazu gab es Kürbis-Süßkartoffel-Pizza mit Chili-Ahornsirup und einen schweren, unheilschwangeren französischen Rotwein.)

Um sich ihr neues Apartment leisten zu können, braucht College-Studentin Samantha (Jocelin Donahue) einen Job. Am schwarzen Brett entdeckt sie eine Annonce, über die ein Babysitter gesucht wird. Mr. Ulman (Tom Noonan), Herr am anderen Ende der Leitung, wirkt zwar etwas seltsam, doch Samantha braucht das Geld. Zusammen mit ihrer Freundin Megan (Greta Gerwig) fährt sie zu dem abgelegenen Anwesen der Ulmans, um die Lage vor Ort zu checken. Ulmann gesteht, dass Samantha entgegen der Anzeige gar nicht auf ein Kind, sondern auf seine greise Schwiegermutter aufpassen soll, die im obersten Stockwerk des Hauses wohnt. Und weil er Samantha ein Vielfaches des ursprünglich abgemachten Betrags verspricht, willigt diese ein, den Job für eine Nacht zu übernehmen –

– was natürlich ein Fehler ist, wie sich bald herausstellt. Denn der Film heißt nicht umsonst „House Of The Devil“. Aber was sich für Samantha zu einem schrecklichen Alptraum entwickelt, aus dem es kein Erwachen gibt, ist für den Zuschauer purer, rosemarysbabyesker Gruselgenuss. Der junge Regisseur Ti West, der bei Filmen wie „The Roost“, „Trigger Man“ und „Cabin Fever 2“ noch nicht durch außergewöhnliches Können aufgefallen war, zeigt hier großes Talent. Sein Film sieht aus wie ein original 70er Jahre Streifen. Doch anders als Tarantino, Rodriguez und viele andere postmodere Filmemacher, kommt Wests Film ganz ohne Ironie und selbstgefällige Zurschaustellung von Filmwissen aus. Das tut gut und mache eine Menge Spaß. Da stört es nicht weiter, dass eigentlich gar nicht viel passiert und das Finale etwas käsig geraten ist. Im Gegenteil: der sukzessive Spannungsaufbau, die authentische 70er-Atmosphäre und ein liebevolles Setdesign, die überzeugenden Darsteller und zwei wohlplatzierte Schocks – einer in der Mitte, einer am Ende – machen „House Of The Devil“ zu einem intensiven Horrorerlebnis.

Und damit beende ich meinen #horrorctober und gestehe ein, dass ich das Ziel, 13 mir unbekannte Horrorfilme zu sehen und darüber zu schreiben, knapp verfehlt habe. (Nicht geschafft habe ich „Repulsion“, „The Psychic“ und „Antiviral“. Die werden in nächster Zeit bestimmt nachgeholt.) Im nächsten Jahr wäre ich sicher wieder dabei. Aber jetzt brauche ich erstmal ein wenig Abwechslung und schiebe einen französischen Liebesfilm in den Videorekorder.

Bild © Alive