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Flesh + Blood (Paul Verhoeven, Niederlande, Spanien, USA 1985)


fleshbloodKrieg, Pest, Aberglaube, Zwangsehen, Hinrichtungen, Vergewaltigung, Verrat, Mord & Totschlag… Nein, das Mittelalter war nichts für Warmduscher. Das zeigt uns Paul Verhoeven  (RoboCop, Total Recall) in seinem Film „Flesh + Blood“ sehr deutlich. Doch der niederländische Skandalregisseur will wie immer nicht nur schocken. Sein Film ist weniger ein zynischer Blick auf den Menschen als eine kühle, wenn auch mit einigem Spott vorgetragene Diagnose über die Mechanismen zivilisatorischen Fortschritts.

Im Jahr 1501 will Lord Arnolfini (Fernando Hilbeck) sein Schloss zurückerobern. Doch als er die Söldner, die für ihn kämpfen, um ihren Sold betrügt, sinnen diese auf Rache. Bei einem Überfall nehmen sie Prinzessin Agnes (Jennifer Jason Leigh), die zukünftige Frau von Arnolfini Sohn Steven (Tom Burlinson), als Geisel. Doch Agnes weiß sich trotz der Demütigungen zu helfen. Schnell versteht sie den Söldneranführer Martin (Rutger Hauer) für sich einzunehmen. Währenddessen macht sich Steven auf die Suche nach seiner Verlobten.

Die Welt ist schlecht in Verhoevens Film. Ob er ein realistisches Bild des ausgehenden Mittelalters zeichnet, sei einmal dahin gestellt. Es darf jedenfalls angenommen werden, dass seine Darstellung authentischer ist als die im gemeinen Ritterfilm. Helden im herkömmlichen Sinne finden sich hier jedenfalls nicht. Helden – das sind in „Flesh + Blood“ diejenigen, die es schaffen, irgendwie zu überleben. Und das sind z.B. Menschen wie Martin, dem es immer wieder gelingt seine Söldnerkumpane durch Bezugnahme auf Religion für sich einzunehmen; oder wie Agnes, die anfangs wirkt wie eine naive Aristokratin, die sich im weiteren Verlauf der Geschichte als begnadete Manipulatorin herausstellt; oder eben wie Steve, dessen Geschick eindeutig im Erfinden von technischen Gadgets liegt. Ohne sein Know-how hätte weder sein Vati seine Burg, noch er Agnes zurückbekommen.

Man darf somit anzweifeln, ob „Flesh + Blood“ wirklich als Allegorie auf die menschliche Verkommenheit gemeint ist. Verhoeven will nicht zeigen, wie schlecht der Mensch ist, sondern mit welchen Mitteln und durch welche Fähigkeiten sich der Homo Sapiens (weiter-)entwickelt. Essen, Trinken, Sex, ein Dach über dem Kopf – solche elementaren Bedürfnisse mögen seine Antriebe sein, seine Ziele erreicht der Mensch allerdings nur mit kühlem, zweckrationalem Verstand. Verhoeven tut in „Flesh + Blood“ somit das, was er auch in späteren Filmen immer wieder macht: Er beschäftigt sich mit Fortschritt und zeigt die Dynamiken, die ihn herbeiführen und ihn vorantreiben. Damit weisen Verhoevens Filme immer ein Stück weit über sich selbst hinaus, sodass sogar ein ultra-brutaler Historienfilm gleichzeitig ein Stück spöttisch-elegante Science-Fiction ist. Das klingt abstrakt, aber man kann es auch einfacher sagen: Verhoeven macht schmerzhaft gute Filme über den Menschen, über das, was er ist und sein könnte. Fleisch und Blut sind unendlich formbar.

Bild © Koch  Media