Tag: Tragödie

Halt auf freier Strecke (Andreas Dresen, Deutschland 2011)

Posted by 4. März 2015

halt auf freier strecke„Wir wissen nicht die Ursachen, warum jemand ein Glioblastom, also so ein Tumor, bekommt, das ist sozusagen das Schicksal.“ Diesen Satz muss Frank Lange (Milan Peschel) von seinem Arzt hören. Danach ist sein Leben und das einer Familie nicht mehr wie es war. Die verbleibenden Monate versucht sie sich so gut es geht, auf das Bevorstehende einzustellen. Es dauert jedoch nicht mehr lange und die Krankheit bestimmt ihrer aller Leben.

Ich konnte mit dem sozial-realistischen, häufig halb-dokumentarischen Kino von Andreas Dresen bisher nicht sonderlich viel anfangen, ob es an seinen Themen oder seinem Stil liegt, weiß ich nicht genau. „Halt auf freier Strecke“ wollte ich mir aber trotzdem schon länger ansehen, weil mich das Thema interessiert. Gestern habe ich mich dann endlich an den Film herangetraut. Ein Mann, ein Familienvater, der unter einem Hirntumor leidet – wahrlich kein leichter Stoff. Milan Peschel ist wirklich famos als sterbenskranker, hilfloser Familienvater. Es gibt viele Szenen, wie gleich die erste, beim Arzt, oder die, als Frank von seinen Eltern besucht wird, oder das letzte gemeinsame Weihnachtsfest, bei denen man eine Gänsehaut bekommt. Und ich will nicht abstreiten, dass ich einige Male auch feuchte Augen bekommen habe. Das Meer aus Tränen blieb allerdings aus. Einerseits schön – wer heult schon gerne? – anderseits frage ich mich, warum mich der Film anscheinend doch nicht so sehr berührt hat, wie angenommen. Bestimmt hat es auch etwas damit zu tun, dass Dresen wieder auf Laiendarsteller und improvisierte Dialoge setzt, die auf mich weniger realistisch als artifiziell wirken. Was mich vielleicht noch mehr daran gehindert hat, in den Film einzutauchen und zu zerfließen, war wohl, dass Dresen sich für meinen Geschmack zu sehr auf die Krankheit fokussiert. Wirklich jede Szene soll zeigen, wie sich die Situation zuspitzt. Alles, wirklich alles liegt im Schatten des Tumors. Ich will gar nicht abstreiten, dass sich nach einer Diagnose, wie sie Frank Lange erhalten hat, das Leben radikal verändert und sich in Großteilen um die Krankheit dreht. Durch Momente von Normalität hätte für mich das Leben im Zeichen des Todes aber noch emotionale Substanz gewonnen. So kam mir „Halt auf freier Strecke“ trotz aller Bemühungen, ihn möglichst realistisch wirken zu lassen, manchmal vor, wie eine etwas zu durchkalkulierte Tragödie.

Verglichen mit Filmen, in denen die sterbende Hauptfigur zum Schluss noch das ganz große Ding dreht, ist der reduzierte Zugang von Dresen allerdings eine Wohltat. Frank möchte noch einen Geburtstag mit seinem Sohn verbringen. Aber nicht einmal das ist ihm gewährt. Vergönnt ist ihm nur zu Hause, bei seiner Familie und vielleicht allen Leids zum Trotz auch in Würde zu sterben. Was immer das genau heißt.

Bild ©  Pandora Filmverleih